Literaturdatenbanken in der Medizin: welche Quelle für welche Frage

PubMed ist für medizinische Fragestellungen die erste, aber nicht die einzige Quelle. Jede Datenbank deckt andere Zeitschriften ab, verwendet ein eigenes Schlagwortsystem und eine eigene Suchsyntax. Diese Seite zeigt, welche Datenbanken für welche Fragestellung sinnvoll sind, wie Sie eine PubMed-Strategie übertragen und welche Fehler beim Kombinieren mehrerer Quellen entstehen.

Kernempfehlungen

  • Die Quelle nach der Frage wählen, nicht nach Gewohnheit. Therapiefragen: zuerst Cochrane Library und Leitlinien, dann PubMed. Pflege- und Gesundheitsfachberufe: zusätzlich CINAHL. Psychische Aspekte: APA PsycInfo. Arzneimittel und europäische Zeitschriften: Embase.
  • Für eine Dissertation mit Einleitung und Diskussion genügen meist PubMed, die Cochrane Library und das AWMF-Leitlinienregister. Ist die Dissertation selbst eine systematische Übersicht, kommen mindestens Embase und Studienregister hinzu.
  • Strategie in PubMed entwickeln, dann übersetzen. Schlagwörter müssen in jeder Datenbank neu ermittelt werden (MeSH ist nicht gleich Emtree), die Freitextblöcke lassen sich mit angepasster Syntax übernehmen.
  • Unveröffentlichte Studien gezielt suchen. Studienregister zeigen, welche Studien begonnen, aber nie publiziert wurden; das ist für die Einschätzung eines Publikationsbias unverzichtbar.
  • Zugang zuerst über das Datenbank-Infosystem (DBIS) Ihrer Bibliothek prüfen. Lizenzpflichtige Datenbanken sind nur im Hochschulnetz, per VPN oder per institutioneller Anmeldung erreichbar.

Datenbanken und Informationsquellen im Vergleich

QuelleInhalt, StärkeZugangEinsatz
PubMed (NLM)Über 40 Mio. Nachweise; MEDLINE mit MeSH, dazu PMC und BookshelffreiStandard für jede medizinische Frage; Anleitung auf PubMed Schritt für Schritt
Cochrane LibraryCDSR (Cochrane-Reviews und Protokolle), CENTRAL (Register kontrollierter Studien), Cochrane Clinical AnswersAbstracts frei; Reviews 12 Monate nach Erscheinen frei, Protokolle sofort; sonst Lizenz (Schweiz: Nationallizenz)Therapiefragen; bestehende systematische Übersichten finden
Embase (Elsevier)Biomedizin und Pharmakologie, breitere Abdeckung europäischer Zeitschriften, Kongressabstracts; Thesaurus EmtreeLizenz der Hochschule (embase.com oder Ovid)Systematische Übersichten, Arzneimittelfragen, Nebenwirkungen
Web of Science (Clarivate), Scopus (Elsevier)Fachübergreifend, Zitationsverknüpfung (wer zitiert wen)LizenzVorwärtssuche über zitierende Arbeiten, interdisziplinäre Themen
CINAHL (EBSCO)Pflege und GesundheitsfachberufeLizenzPflege, Physiotherapie, Versorgungsforschung
APA PsycInfoPsychologie, Psychiatrie, VerhaltenLizenzPsychische Outcomes, Lebensqualität, Kognition
LIVIVO (ZB MED)Suchportal für Lebenswissenschaften, bündelt zahlreiche Datenbanken und Kataloge, auch deutschsprachige LiteraturSuche freiDeutschsprachige Literatur, Bücher und Graue Literatur
Europe PMCPubMed-Nachweise plus Volltextsuche in frei zugänglichen Artikeln und PreprintsfreiBegriffe, die nur im Methodenteil stehen; Preprints
EpistemonikosSystematische Übersichten und die darin enthaltenen StudienfreiSchnell prüfen, ob es bereits Übersichtsarbeiten gibt
Google ScholarSehr breit, inklusive Graue Literatur und VolltextefreiBekannte Titel finden, Volltextversionen, Ergänzung; nicht als Hauptquelle

Studienregister und Leitlinien

QuelleInhalt
ClinicalTrials.govGrößtes Studienregister (NLM), mit Ergebnisdaten vieler Studien
WHO ICTRPMetasuche über die Primärregister der WHO, darunter das DRKS
DRKSDeutsches Register Klinischer Studien, WHO-Primärregister
EU CTISArzneimittelstudien unter der EU-Verordnung 536/2014; ältere Studien im EU Clinical Trials Register
AWMF-LeitlinienregisterDeutsche S1- bis S3-Leitlinien der Fachgesellschaften, mit Leitlinienreport (dort oft die Suchstrategie)
TRIPSuchmaschine für evidenzbasierte Quellen, internationale Leitlinien

Empfehlung: Der Leitlinienreport einer S3-Leitlinie enthält häufig die vollständige systematische Recherche der Leitliniengruppe. Prüfen Sie, ob Ihre Frage dort schon bearbeitet wurde, und übernehmen Sie Begriffe aus deren Suchstrategie.

Welche Kombination für welchen Zweck?

VorhabenMindestensErgänzend
Orientierung, ExposéPubMed, Cochrane Library, AWMF-RegisterEpistemonikos
Einleitung und Diskussion einer klinischen oder experimentellen DissertationPubMed, Cochrane LibraryEmbase bei Arzneimittelfragen, Web of Science oder Scopus für Vorwärtssuche
Systematische Übersicht, MetaanalyseMEDLINE/PubMed, Embase, CENTRAL, StudienregisterWeb of Science, fachspezifische Datenbank, Google Scholar (erste Treffer), Referenzlisten

Eine prospektive Untersuchung an 58 systematischen Reviews fand, dass erst die Kombination aus Embase, MEDLINE, Web of Science Core Collection und Google Scholar eine Gesamtsensitivität von 98,3 % erreichte (Bramer et al. 2017). Eine einzelne Datenbank genügt für systematische Übersichten nicht.

PubMed-Strategie übertragen

ElementPubMedOvid (MEDLINE, Embase)Embase.comCochrane Library
Schlagwort mit Unterbegriffen"Propofol"[mh]exp Propofol/'propofol'/exp[mh "Propofol"]
Schlagwort ohne Unterbegriffe"Propofol"[mh:noexp]Propofol/'propofol'/de[mh ^"Propofol"]
Titel/Abstractpropofol[tiab]propofol.ti,ab.propofol:ti,abpropofol:ti,ab,kw
Trunkierungventilat*ventilat*ventilat*ventilat*
Nähe"sedation duration"[tiab:~3]sedation adj3 durationsedation NEAR/3 durationsedation NEAR/3 duration

Die Abstandszählung unterscheidet sich zwischen den Oberflächen: In PubMed bedeutet ~3 höchstens drei Wörter dazwischen, in Ovid bedeutet adj3 höchstens zwei Wörter dazwischen (Cochrane Deutschland, Syntaxvergleich). Prüfen Sie die Definition in der Hilfe jeder Oberfläche. Das kostenfreie Werkzeug Polyglot Search Translator übersetzt die Syntax automatisch, die Schlagwörter aber nicht: Emtree-Begriffe müssen Sie selbst nachschlagen.

Zitationsverfolgung: Rückwärts- und Vorwärtssuche

Jede Stichwortsuche übersieht Arbeiten, die andere Begriffe verwenden. Die Zitationsverfolgung schließt diese Lücke unabhängig vom Wortlaut.

  • Rückwärts: Die Literaturverzeichnisse der wichtigsten Treffer und aktueller Übersichtsarbeiten durchsehen. Besonders ergiebig sind Cochrane-Reviews und Leitlinienreports.
  • Vorwärts: Prüfen, wer einen Schlüsselartikel später zitiert hat. In PubMed zeigt „Cited by“ zitierende Artikel aus PMC; vollständiger sind Web of Science, Scopus oder Google Scholar („Zitiert von“).
  • Ähnliche Artikel: „Similar articles“ in PubMed und „Related records“ in Web of Science finden inhaltlich verwandte Arbeiten.

Empfehlung: Führen Sie die Zitationsverfolgung für drei bis fünf Schlüsselartikel durch und dokumentieren Sie, wie viele zusätzliche Arbeiten Sie dadurch gefunden haben. Finden Sie dabei viele neue relevante Studien, ist Ihre Datenbankstrategie zu eng; ergänzen Sie dann Begriffe.

Graue Literatur und Daten

Für epidemiologische, versorgungs- oder gesundheitsökonomische Fragen sind Zeitschriftenartikel oft nicht die beste Quelle. Amtliche Zahlen zu Diagnosen, Operationen und Todesursachen bieten das Statistische Bundesamt (Destatis) und die Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Zitieren Sie Statistiken immer mit Tabellenbezeichnung und Abrufdatum, da sich Online-Daten ändern.

Empfehlung für den Einstieg in Embase: Lassen Sie sich Ihre PubMed-Freitextblöcke von der Bibliothek in die Embase-Syntax übertragen oder nutzen Sie den Polyglot Search Translator, und ermitteln Sie die Emtree-Begriffe über die Thesaurusfunktion der Oberfläche. Rechnen Sie mit deutlich mehr Treffern als in PubMed, unter anderem durch Kongressabstracts.

Fallstricke

FallstrickFolgeGegenmaßnahme
MeSH-Begriffe unverändert in Embase übernommenEmtree-Begriffe weichen ab; Schlagwortsuche läuft ins Leere oder wird zu engJeden Begriff im Emtree nachschlagen; Freitextblöcke unverändert mitführen
Google Scholar als HauptquelleNicht reproduzierbar, nur die ersten 1.000 Treffer abrufbar, stark begrenzte Länge der Suchanfrage, keine Schlagwörter; für systematische Suchen ungeeignet (Gusenbauer und Haddaway 2020)Nur ergänzend nutzen und die ersten 100 bis 200 Treffer sichten
Duplikate zwischen Datenbanken nicht entferntDoppelte Sichtung, falsche Zahlen im FlussdiagrammTreffer in die Literaturverwaltung importieren, dort deduplizieren, Anzahl vor und nach Deduplizierung notieren
Studienregister ausgelassenUnveröffentlichte negative Studien bleiben unsichtbar (Publikationsbias)ClinicalTrials.gov und WHO ICTRP durchsuchen
Kongressabstracts wie Volltexte gewertetVorläufige, später geänderte Ergebnisse fließen einPrüfen, ob eine Vollpublikation existiert; Abstracts kennzeichnen
Preprints nicht als solche erkanntNicht begutachtete Ergebnisse werden wie publizierte zitiertStatus prüfen; in PubMed ausschließen mit NOT preprint[pt]
Nur „Suchportal“ statt OriginaldatenbankFehlende Schlagwortsuche und unklare AbdeckungFür systematische Suchen die Datenbank mit ihrem Thesaurus direkt nutzen
Suchstrategie je Datenbank nicht dokumentiertMethodenteil unvollständig, GutachterkritikPro Datenbank: Oberfläche, Datum, Suchzeile, Treffer

Nicht mehr verfügbare Angebote

  • DIMDI: Die Literaturdatenbanken des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information wurden zum 31.12.2016 eingestellt; das DIMDI wurde 2020 in das BfArM eingegliedert. Für deutschsprachige Literatur nutzen Sie LIVIVO.

Checkliste

  • Zweck festgelegt (Orientierung, Dissertation, systematische Übersicht) und Quellen danach gewählt
  • Zugang zu lizenzpflichtigen Datenbanken über DBIS und VPN geklärt
  • Cochrane Library und Epistemonikos auf bestehende Übersichten geprüft
  • Leitlinienregister und Leitlinienreport gesichtet
  • Schlagwörter je Datenbank neu ermittelt, Freitext übertragen
  • Studienregister durchsucht (bei Interventionsfragen)
  • Treffer importiert, dedupliziert, Zahlen protokolliert

Quellen