PubMed Schritt für Schritt: von der Frage zur reproduzierbaren Suchstrategie

PubMed ist die kostenfreie Suchoberfläche der US-amerikanischen National Library of Medicine (NLM) und umfasst mehr als 40 Millionen Literaturnachweise. Den Kern bildet MEDLINE mit Verschlagwortung nach Medical Subject Headings (MeSH); hinzu kommen Nachweise aus PubMed Central (PMC) und dem NCBI Bookshelf. PubMed enthält keine Volltexte, verlinkt aber auf sie. Diese Anleitung zeigt, wie Sie aus einer klinischen Frage eine reproduzierbare Suchstrategie bauen, und benennt die Fehler, die in Doktorarbeiten am häufigsten vorkommen.

Kernempfehlungen

  • Jedes Konzept doppelt suchen: MeSH-Begriff ODER Freitext in Titel/Abstract. Nur MeSH verfehlt neue und nicht indexierte Artikel, nur Freitext verfehlt Synonyme.
  • Konzepte einzeln aufbauen, dann verknüpfen. Pro Konzept eine Suchzeile im Suchverlauf (Advanced Search), anschließend #1 AND #2 AND #3. So sehen Sie, welcher Block die Trefferzahl einbrechen lässt.
  • Höchstens drei Konzepte verknüpfen.Empfehlung: Das Outcome ist in Abstracts oft uneinheitlich beschrieben; es zu verknüpfen, kostet häufig mehr relevante Treffer als es Ballast spart. Lieber über Population und Intervention suchen und das Outcome beim Sichten prüfen.
  • „Search Details“ lesen. In der Advanced Search zeigt der Suchverlauf unter „Details“, wie PubMed Ihre Eingabe tatsächlich übersetzt hat. Das deckt die meisten Syntaxfehler auf.
  • Strategie an Schlüsselartikeln testen. Notieren Sie drei bis fünf Artikel, die Sie sicher finden müssen. Fehlt einer, prüfen Sie dessen MeSH-Begriffe und Abstractwortlaut und ergänzen Ihre Strategie.

Vorgehen in acht Schritten

  1. Frage zerlegen. PICO steht für Patient oder Problem (P), Intervention oder Exposition (I), Vergleich (C) und Outcome (O). Nicht jede Frage braucht alle vier Elemente; für Fragen zu Prognose oder Häufigkeit genügen oft P und O.
  2. Begriffe sammeln. Notieren Sie pro Element englische Begriffe, Synonyme, Abkürzungen, britische und amerikanische Schreibweisen (anaesthesia/anesthesia) sowie Handelsnamen von Arzneimitteln.
  3. MeSH ermitteln. Öffnen Sie die MeSH-Datenbank und prüfen Sie Begriff, Definition, Entry Terms (Synonyme) und die Position im Baum. Ein MeSH-Begriff schließt standardmäßig alle untergeordneten Begriffe ein („Explosion“). Ein schneller Weg: Öffnen Sie einen sicher relevanten Artikel und sehen Sie sich in der Abstract-Ansicht unter „MeSH terms“ an, wie er verschlagwortet wurde.
  4. Freitext ergänzen. Suchen Sie jedes Konzept zusätzlich mit [tiab] (Titel und Abstract), mit Trunkierung (ventilat* findet ventilation, ventilated, ventilator) und Phrasen in Anführungszeichen.
  5. Verknüpfen. Synonyme eines Konzepts mit OR, Konzepte untereinander mit AND. Klammern setzen, da PubMed von links nach rechts verarbeitet. Operatoren in Großbuchstaben schreiben.
  6. Filter bewusst einsetzen. Filter für Artikeltyp, Zeitraum oder Sprache nur, wenn die Fragestellung es verlangt, und immer protokollieren.
  7. Ergebnis prüfen und nachschärfen. Sehen Sie die ersten 50 Treffer durch: Fehlen Schlüsselartikel? Tauchen wiederkehrend irrelevante Themen auf? Neue Begriffe aus relevanten Treffern übernehmen; „Similar articles“ und „Cited by“ der besten Treffer prüfen.
  8. Dokumentieren und speichern. Datenbank, Suchdatum, vollständige Suchzeile, Filter, Trefferzahl festhalten. Den Suchverlauf können Sie in der Advanced Search herunterladen; er enthält seit 2025 auch die Datumsangaben jeder Suche. Speichern Sie die Suche in My NCBI als Alert.

Die wichtigsten Feldbezeichner

FeldSyntaxWirkung, Hinweis
MeSH-Begriff"Propofol"[mh]Schlagwort einschließlich Unterbegriffen
MeSH ohne Unterbegriffe"Anesthesia"[mh:noexp]Nur der Begriff selbst; selten sinnvoll, da Artikel mit dem spezifischsten Begriff verschlagwortet werden
MeSH als Hauptthema"Delirium"[majr]Nur Artikel, deren Schwerpunkt das Thema ist; präziser, aber weniger vollständig
Unterschlagwort"Propofol/adverse effects"[mh] oder adverse effects[sh]Aspekt eines Schlagworts, z. B. Nebenwirkungen
Titel/Abstractpropofol[tiab]Freitext; schaltet die automatische Begriffszuordnung ab
Nur Titelpropofol[ti]Sehr präzise, für schnelle Orientierung
Nähe-Suche"postoperative delirium"[tiab:~2]Höchstens zwei Wörter zwischen den Begriffen, Reihenfolge beliebig; nur ti, tiab, ad; keine Trunkierung
Publikationstyprandomized controlled trial[pt], systematic review[pt]Nur für indexierte Nachweise zuverlässig
Publikationsdatum2021:2026[dp], "last 5 years"[dp]Zeitraum
Autor, Erstautor"smith j"[au], smith j[1au]Mit Anführungszeichen keine Trunkierung der Initialen
Zeitschrift"anesth analg"[ta]Abgekürzter oder voller Titel
Spracheenglish[la], german[la]Siehe Fallstricke
Statusmedline[sb], pubstatusaheadofprintIndexierte bzw. vorab online erschienene Nachweise

Beispiel: von der Frage zur Suchzeile

Frage (fiktives Beispiel): Verkürzt Dexmedetomidin im Vergleich zu Propofol bei beatmeten Erwachsenen auf der Intensivstation die Beatmungsdauer?

PICOKonzeptMeSHFreitext
Pbeatmete Erwachsene, IntensivstationRespiration, Artificial; Intensive Care Unitsventilat*, "intensive care", ICU, "critically ill"
IDexmedetomidinDexmedetomidinedexmedetomidine, Handelsnamen
CPropofolPropofolpropofol
OBeatmungsdauer(nicht verknüpfen, beim Sichten prüfen)"duration of mechanical ventilation", "ventilator-free days"

Suchzeile zum Kopieren (Population, Intervention, Vergleich):

("Dexmedetomidine"[mh] OR dexmedetomidine[tiab]) AND ("Propofol"[mh] OR propofol[tiab]) AND ("Respiration, Artificial"[mh] OR ventilat*[tiab] OR "Intensive Care Units"[mh] OR "intensive care"[tiab] OR ICU[tiab] OR "critically ill"[tiab])

Population und Setting sind hier in einem Block zusammengefasst, damit Studien nicht verloren gehen, die nur „critically ill“ oder nur „mechanical ventilation“ nennen. Zur Eingrenzung auf randomisierte Studien hängen Sie an:

AND (randomized controlled trial[pt] OR controlled clinical trial[pt] OR randomized[tiab] OR placebo[tiab] OR drug therapy[sh] OR randomly[tiab] OR trial[tiab] OR groups[tiab]) NOT (animals[mh] NOT humans[mh])

Dieser Block ist der sensitivitätsmaximierende Filter für randomisierte Studien aus dem Cochrane Handbook (PubMed-Format). Er ist breiter als der PubMed-Filter „Randomized Controlled Trial“, weil er auch noch nicht indexierte Studien über Freitext erfasst. Prüfen Sie die Suchzeile vor Gebrauch in der Advanced Search (Details) und passen Sie die Begriffe an Ihre Frage an.

Filter, Sortierung, Speichern

  • Filter für Spezies, Geschlecht und Alter (z. B. „Humans“, „Adult: 19+ years“) greifen nur auf MeSH-indexierte Nachweise. Vorab online erschienene Artikel, Preprints und nicht für MEDLINE indexierte Nachweise fallen heraus (NLM, PubMed User Guide).
  • Tierstudien ausschließen Sie besser mit NOT (animals[mh] NOT humans[mh]) als mit dem Filter „Humans“: So bleiben Studien ohne Verschlagwortung erhalten.
  • Sortierung: Voreingestellt ist „Best Match“ (Relevanzalgorithmus). Für Updates und Alerts nach „Most Recent“ sortieren.
  • Clinical Queries (Link auf der PubMed-Startseite) bieten geprüfte Suchfilter für Therapie, Diagnose, Ätiologie, Prognose und klinische Vorhersageregeln, jeweils eng (narrow) oder breit (broad). Geeignet für eine schnelle, klinisch orientierte Suche.
  • Clipboard hält höchstens 500 Nachweise und verfällt nach acht Stunden Inaktivität; für Dauerhaftes „Collections“ in My NCBI nutzen.
  • Export in die Literaturverwaltung: „Send to“ > „Citation manager“ erzeugt eine .nbib-Datei mit bis zu 10.000 Nachweisen, die Zotero, EndNote und Citavi importieren (siehe Literaturverwaltung).
  • Alerts: „Create alert“ unter der Suchzeile (Anmeldung bei My NCBI erforderlich) schickt neue Treffer per E-Mail.
  • Volltext-Button Ihrer Bibliothek: Rufen Sie PubMed über den Link Ihrer Hochschulbibliothek auf oder hinterlegen Sie in My NCBI unter „NCBI Site Preferences“ > „Outside Tool“ Ihre Einrichtung. Dann erscheint in der Abstract-Ansicht der Link zum lizenzierten Volltext.

Fallstricke

FallstrickFolgeGegenmaßnahme
Nur MeSH-Begriffe gesuchtNeueste, vorab online erschienene und nicht für MEDLINE indexierte Artikel fehlen. MEDLINE wird seit April 2022 automatisiert indexiert, meist binnen eines Tages; Nachweise aus PMC oder vom Verlag ohne MEDLINE-Status bleiben aber ohne MeSH.Jedes Konzept zusätzlich mit [tiab] suchen
Unbemerkte automatische Begriffszuordnung (Automatic Term Mapping)Ein Wort ohne Feldbezeichner wird auf MeSH, Substanzen, Zeitschriften oder Autoren abgebildet; die Treffermenge weicht von der Erwartung abFeldbezeichner gezielt setzen und Search Details prüfen
Phrase in Anführungszeichen, die PubMed nicht kenntSteht die Phrase nicht im Phrasenindex, werden die Anführungszeichen ignoriertIn Search Details kontrollieren; alternativ Nähe-Suche mit [tiab:~N]
Trunkierung zu kurz oder falsch platziertVor dem ersten * müssen mindestens vier Zeichen stehen; Trunkierung schaltet die Begriffszuordnung ab; Nähe-Suche verträgt keine TrunkierungWortstamm mit mindestens vier Buchstaben; MeSH-Begriff separat ergänzen
Klammern vergessenA OR B AND C wird als (A OR B) AND C gelesen, weil PubMed von links nach rechts verarbeitet; bei komplexeren Zeilen entstehen unbemerkt falsche MengenJeden Konzeptblock klammern; Konzepte als eigene Zeilen im Suchverlauf aufbauen
Filter „Humans“, „Adult“ oder ArtikeltypNicht indexierte, besonders aktuelle Studien fallen herausFreitextblöcke statt Filter, z. B. für Tierstudien NOT (animals[mh] NOT humans[mh])
Sprachfilter „English“Relevante deutschsprachige Arbeiten fehlen; in systematischen Übersichten ein BiasSprache nur einschränken, wenn begründet, und protokollieren
Großzügiges NOTSchließt relevante Artikel aus, die den ausgeschlossenen Begriff nur nebenbei nennenNOT sparsam und nur mit geprüften Begriffen verwenden
Trefferzahl nicht protokolliertSpätere Suchen sind nicht vergleichbar, da PubMed täglich wächstDatum und Trefferzahl sofort notieren; Suchverlauf exportieren

Protokoll für den Methodenteil

Für die Dissertation genügt in der Regel eine Tabelle im Methodenteil oder Anhang:

AngabeBeispiel
Datenbank, OberflächeMEDLINE über PubMed
Suchdatum07.10.2026
Vollständige Suchzeilewie oben, unverändert kopiert
Filter, Einschränkungenkeine Sprachbeschränkung; 2000:2026[dp]
TrefferzahlAnzahl am Suchdatum
AktualisierungDatum der letzten Wiederholung vor Abgabe

Für systematische Übersichten gelten die 16 Items von PRISMA-S (Rethlefsen et al. 2021).

Weitere Quellen

PubMed erfasst nicht die gesamte medizinische Literatur. Welche Datenbanken ergänzen und wie sich deren Syntax unterscheidet, steht auf Literaturdatenbanken; jede Datenbank wird gesondert dokumentiert. Wenn Sie einen bekannten Artikel suchen, helfen PMID, DOI oder der Single Citation Matcher; wie Sie an den Volltext kommen, erklärt Artikel und Bücher beschaffen.

KI-gestützte Suche

Werkzeuge wie Elicit oder Consensus beantworten Fragen in natürlicher Sprache auf Grundlage wissenschaftlicher Publikationen. Universitätsbibliotheken empfehlen sie als Ergänzung, nicht als Ersatz der Datenbankrecherche: Sie stützen sich meist auf Titel und Abstracts, ihre Ergebnisse sind nicht reproduzierbar, und die Abdeckung ist nicht offengelegt. Allgemeine Sprachmodelle sind keine Literaturdatenbanken und können Literaturangaben erfinden. Empfehlung: KI-Werkzeuge eignen sich, um Begriffe und Synonyme zu sammeln oder übersehene Arbeiten aufzuspüren; jede Angabe prüfen Sie über PMID oder DOI im Original. Den Einsatz legen Sie offen (siehe Dissertation und KI).

Checkliste

  • PICO-Elemente und englische Begriffsliste erstellt
  • MeSH in der MeSH-Datenbank geprüft, Freitextvarianten mit [tiab] und Trunkierung ergänzt
  • Jeder Konzeptblock geklammert, Synonyme mit OR, Konzepte mit AND
  • Search Details geprüft, Schlüsselartikel werden gefunden
  • Filter begründet und protokolliert, keine Spezies- oder Altersfilter ohne Freitextalternative
  • Suchprotokoll ausgefüllt, Suchverlauf exportiert, Alert eingerichtet
  • Treffer als .nbib in die Literaturverwaltung exportiert

Quellen